Wo ein Wille ist, da ist auch ein Tanzweg

«Ich wollte einfach tanzen!», sagt Ronit Bollag mit einem Lachen. Sie interessierte sich für den israelischen Volkstanz und war auf der Suche nach einem Kurs, denn bis zu diesem Zeitpunkt war sie nicht wirklich tänzerisch unterwegs. In der Schweiz gab es damals im Jahr 1983 kein Angebot für solch einen Tanz-Chug und ob die Nachfrage überhaupt da war, darüber wusste Ronit logischerweise nicht Bescheid. Sie wusste nur, dass sie tanzen will und genau dann fiel ihr ein Flyer mit einem Tanzworkshop in London in die Hände. Dass sie aber ein Jahr später mit dem ersten Kurs mit 50 Tanz-Interessierten beginnen würde, ja das hätte sie sich nicht erträumen können.

 

Als Mutter zweier Kinder (damals waren sie 3 und 5) musste sie sich irgendwie arrangieren, damit sie für fünf Tage in die Hauptstadt des Vereinigten Königreichs reisen konnte, um endlich den langersehnten Tanz zu lernen. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg und zum Glück gab es Familienmitglieder, die sie unterstützen konnten. Endlich in London angekommen, tauchte Ronit in eine neue Welt ein und wusste, sie hat das gefunden, wonach sie suchte. Sie lernte Basistänze und konnte jegliche Schritte und Choreografien mit nachhause nehmen, um zu üben.

 

Dann im Januar 1984 war es so weit, sie startete den ersten Anfängerkurs. Damals übernahmen aber zwei junge Mädchen des Haschomer Hatzair den Unterricht. So war es Ronit möglich, sich um alles drum herum zu kümmern. Nach und nach kamen immer mehr interessierte Tänzerinnen und Tänzer und plötzlich erwachten in der ganzen Schweiz Tanzkurse. Man kann also gut sagen, dass Ronit den Tanzstein ins Rollen gebracht hat.

 

In diesen 36 Jahren besuchte sie zahlreiche Workshops, traf auf berühmte israelische Tanzleiter, erweiterte ihr Netzwerk und lernte immer mehr dazu. Dank dieser Community konnte Ronit Choreografen in die Schweiz einladen und so Abwechslung in die Tanzkurse bringen. «Ja, der israelische Volkstanz hat sich schon auch verändert», erzählt sie und führt gleich fort «früher war es mehr traditionell und heute wird alles viel schneller und poppiger. Das ist ja auch gut, aber mir persönlich gefallen die alten Volkstänze besser» strahlt sie und man spürt, wie der Tanz ihr Leben und sie verändert hat. Ob sie, wenn sie nochmals in der Zeit zurückgehen könnte, die Ausbildung zur Tanzlehrerin machen würde, frage ich sie. Ronit überlegt ein bisschen und antwortet dann: «Das habe ich mich schon einmal gefragt. Aber nein, eigentlich nicht. Für mich war alles gut so, wie es gekommen ist.» Sie erzählt mir auch, wie sie damals Kassetten über Kassetten schwer tragen musste und ganze Nachmittage an Vorbereitung investierte, damit alle Bänder am richtigen Ort positioniert waren für die Tänze. Später mit den MiniDiscs, CDs und nun wo alles digital verfügbar ist, wurde es einfacher. Sie war und ist nicht nur Organisatorin des heute “Machol Zürich” genannten Tanz-Kurses, sondern auch eine Art DJ, wenn man das so sagen darf. Über 4000 choreografierte Lieder hat sie bei sich lokal gespeichert und kennt viele davon auswendig.

 

Dass der Tanz-Chug seit so vielen Jahren besteht, verdankt Ronit dem immerwährenden Interesse und der Treue ihrer MittänzerInnen, von denen einige seit dem ersten Tag dabei sind. Und um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden, engagieren sich einige KollegInnen auch im Unterricht.

 

Für den israelischen Volkstanz braucht es keine besonderen Vorkenntnisse, der Tanz ist für alle. Er soll Freude bereiten und Menschen zusammenbringen, das ist das Wichtigste. «Als das Festival ‚Zürich tanzt’ stattgefunden hat, habe ich gemerkt, wie zahlreich wir sind. Da kamen so viele zusammen und wir haben ohne Proben zu müssen, den israelischen Volkstanz aufführen können: Weil jeder die Basisschritte kennt, ob Anfänger oder Fortgeschrittene. So schön, nicht wahr?»

 

Ronit Bollag hat in diesen vielen Jahren eine Gemeinschaft geschaffen, wo jeder kommen, tanzen und einfach mal für einen Augenblick alles hinter sich lassen kann. Und wer es schon immer mal ausprobieren wollte, am 7. Januar 2020 startet ein neuer Beginner-Kurs. Die bisherigen Tanzkurse werden natürlich fortgeführt.

 

Jeweils dienstags in der ICZ:

  • Beginner 1: 18 bis 19 Uhr
  • Beginner 2: 19 bis 20 Uhr
  • Mittlere: 18 bis 19 Uhr
  • Mittlere / Fortgeschrittene: 19 bis 22 Uhr

 

Info und Anmeldung: bollagronit@gmail.com

 

 

Interview: Teresa Schäppi


Veröffentlicht vor 2 Jahren

Michel Bollag – Über ein viertel Jahrhundert in der ICZ

Es sind rund 27 Jahre, die Michel Bollag zusammengerechnet in der ICZ verbracht hat. Dass er so lange der Gemeinde treu bleiben würde, daran hat er im Jahr 1974 wahrscheinlich nicht gedacht.

Wir sitzen in der Küche im dritten Stock des Gemeindezentrums und trinken zusammen Kaffee, während er mit seinem sympathischen französischen Akzent von seinen Anfängen in der ICZ erzählt.

 

Begonnen hat er im Unzgi mit einer Klasse am Zollikerberg, als damals der Schulbeginn noch im Frühling war. Früher war der Unzgi auf verschiedene Standorte verteilt, bevor er im Gemeindezentrum zusammengeführt wurde. Erlebt und gesehen hat er viel in diesen Jahren. Schöne und bereichernde Momente gab es und doch ein steter Begleiter war die Sorge, dass das Konzept «Einheitsgemeinde» in der sich zunehmend verändernden und modernisierenden Welt zu einem Auslaufmodell werden könnte. «Was ich nach so einer langen Zeit für mich mitnehme? Es ist die Freude und Erfüllung zugleich, dass ich mehrere Generationen auf ihrem Weg in der Gemeinde begleiten durfte. Solche, die geblieben, andere die neu hinzugekommen und jene die ausgetreten und zurückgekehrt sind. Ich glaube nach wie vor an die Gemeinde und sehe, wie sie wächst. Wichtig ist, dass wir in die jüngeren Generationen investieren aber auch die ältere nicht vergessen dürfen. Wir müssen Brücken bauen zwischen alt und neu, in jeder Hinsicht» sagt er etwas nachdenklicher während er den Kaffeebecher betrachtet und mit beiden Händen umfasst.

 

Wer schon mal mit ihm zusammenarbeiten durfte weiss, dass er mit seinen Händen und Füssen spricht. Ja, Stillsitzen bzw. stehen bleiben fällt ihm schwer. Darum hat er auch während seiner Tätigkeit als Assistenz von Rabbiner Dr. Zalman Kossowsky das Zürcher Lehrhaus (heute Zürcher Institut für interreligiösen Dialog) aufgebaut. Dies war auch der Grund für seine «Pause» von der ICZ. Fünfzehn Jahre widmete er vollumfänglich dem Lehrhaus, bis er dann im Frühling 2017 eigentlich in Pension gehen sollte. Sollte … aber Michel, der aktive, der begeisterte Wissensvermittler wurde von der ICZ um Unterstützung für das Rabbinat angefragt. Und so wie er ist, konnte er nicht nein sagen, auch weil er einfach loyal ist. «Ich habe der ICZ meine ganze Karriere zu verdanken, besonders dreien Personen: Sigi Feigel s.A., dessen visionären Geist mich inspiriert hat, Rita Marx s.A. und Meir Brom, die mich immer unterstützt haben», erzählt Michel mit ruhiger und gerührter Stimme.

 

Die letzten zweieinhalb Jahre waren intensiv und wie die ICZ auch manchmal sein kann, wie ein Wirbelwind. Früher hat er viel meditiert und sogar Meditationskurse im Gemeindezentrum angeboten, um den manchmal so chaotischen Tagen mehr Ruhe zu verleihen. Federführend war er zuletzt für das MIZPE Programm in Zusammenarbeit mit diversen Referenten aus der ICZ sowie internationale Gastrednern. Worauf er sich freut, sobald er in seinen wohlverdienten Ruhestand tritt, frage ich ihn. Seine grau-blauen Augen werden etwas grösser, sein Lächeln breiter, entspannt lehnt er sich in die Rücklehne und faltet die Hände hinter dem Kopf zusammen: «Jaaa, es ist ganz einfach: die Zeit. Zeit, über die ich selbst bestimmen kann für Lesen, Reisen, Theater, Musik, Filme und natürlich für meine Familie und ganz besonders meine Enkel.»

 

Aber ganz aufhören, das wird unser Michel Bollag nie so ganz. Denn für das ist und bleibt er zu gerne aktiv: Der Wissensvermittlung wird er sein Leben lang treu bleiben.

Alles Gute von uns, lieber Michel.

 

 

Interview: Teresa Schäppi


Veröffentlicht vor 2 Jahren

Ocho Kandelikas Version für Shella Kertész

 

Melodie des spanisch-sephardischen Channuka-Liedes «Ochos Kandelika»

Text und Arrangement: Robert Braunschweig, ICZ Synagogenchor, 2019

 

1. Schalom, mir säged’s mitenand
Dir Shella und em Ex-Vorstand
Mir danked eu für eure Job
Was ihr händ gleischtet, s’isch gsi top….. Ooooh:

 

Refr.
Mir danked Eu-u – und ziend d’Kipa-a
Dass ihr jetzt gö-önd, – me chan’s verschta-ah
Die Arbeit bru-ucht, – en lange Schnu-uf
Drum s’Bescht für d’Zuekunft – Kol Tuf

 

2. Als erschit Frau häsch du üs gführt
Das hätt m’r positiv nur gschpürt
De Grundschtei häsch du gleit fürwahr
E Präsidentin wunderbar….. Ooooh:

 

Refr.
Mir danked di-ir – Shellellellella
Vo Härze fe-escht – a dere Stella
Mit Stil und Könne, – Shellellellella
Bisch immer gsi bellellellaa

 

3. Toda rabba, toda rabba
Shellellellellellellella
Shellellellellellellella
Toda rabba, toda rabba….. Ooooh:

 

Refr.
Mir danked di-ir – Shellellellella
Vo Härze fe-escht – a dere Stella
Mit Stil und Könne, – Shellellellella
Bisch immer gsi bellellellaaaaa!


Veröffentlicht vor 2 Jahren

Kerstin Paul – Bücher bringen Begegnungen

«Kommst du in die Bibliothek?», fragt die Stimme am anderen Ende des Telefons. Die Stimme ist freundlich, klar und fein melodiös und gehört zu Kerstin Paul, Mitarbeiterin in der Bibliothek. Wir setzen uns an einen der runden, weissen Tische umringt von zig Büchern jüdischer Autoren. Bücher die Bände sprechen über die Geschichte des Judentums, fesselnde Romane, unglaubliche Biografien, witzige Kinderbücher oder wissenschaftliche Literatur. Für jeden findet sich etwas. «Wir haben eine schöne Stammleserschaft, von der – würde ich behaupten – sicher die Hälfte ICZ Mitglieder sind. Das schöne ist ja, seit wir im NEBIS-Verbund sind, kommen auch immer mehr interessierte Leser von aussen. Das freut uns, denn wir sind ja eine öffentliche Bibliothek». Im Zeitalter des Internets und der Digitalisierung wird immer wieder darüber diskutiert – und auch prognostiziert – dass Bücher und Zeitungen die grossen Verlierer sind. Online kann geschriebenes schneller «konsumiert» und verbreitet werden. Dass aber Bücher Begegnungen schaffen, sie man mit fast allen Sinnen erleben kann, davon kann das Internet nur träumen.

 

Seit 14 Jahren arbeitet Kerstin Paul in der ICZ und hat schon stapelweise Bücher lesend verschlungen, «pro Woche lese ich bestimmt ein Buch. Das heisst, 52 Bücher pro Jahr mal 14 … das sind mindestens 728 Bücher seit ich hier bin», lächelt sie bescheiden. Dass die gebürtige Deutsche hier in Zürich in der Israelitischen Cultusgemeinde gelandet ist, findet seinen Ursprung in ihrer Jugend. Während der Schulzeit hat sie sich privat intensiv mit der deutschen Geschichte während des Nationalsozialismus auseinandergesetzt und hat viele Berichte von Überlebenden des Holocaust gelesen. «Ich merkte, dass es damals ein schwieriges Thema war und viele wussten nicht, wie sie auf dieses Thema reagieren sollten. Ich wollte nicht ein Teil dieser Befangenheit sein. Darum war es mir ein Anliegen, so aufgeklärt wie nur möglich sein zu können. Und so kam auch Schritt für Schritt die jüdische Kultur hinzu und dann das Studium im Bereich Jüdische Studien in Heidelberg». Kerstins Motivation war fast schon ein selbstgestellter Auftrag: Eine Brücke sein, verbinden und vermitteln wie vielfältig das Judentum ist. Besonders den Menschen, die wenig oder gar nichts darüber wissen. «Viele haben nur ein bestimmtes Bild von den Juden und sehen – wenn ich das so sagen darf – nur die streng orthodoxen Juden, die nach aussen hin sichtbar sind. Aber dass da ganz viele Juden sind, denen man es nicht ansieht, das erkennen die dann nicht. Ich will schlicht und einfach eine Normalität vermitteln und zeigen, dass wir alle gleich sind», begründet sie mit ihrer Stimme, der man für Stunden zuhören könnte.

 

Nach ihrem Studium in Heidelberg ging die zukünftige Bibliothekarin nach London, um Bibliothekswesen zu studieren. «Ich hätte in London bleiben können, aber für mich war diese Stadt zu gross. Und ich bin kein Inselmensch (lacht), mich zog es einfach zurück aufs Festland. Ich weitete meine Suche auf den gesamten deutschsprachigen Raum aus, da es nicht viele offene Positionen gab. Zur ICZ bin ich lediglich über einen Zufall gekommen», fügt sie schmunzelnd hinzu. Bei der Zentralbibliothek hat sie sich im Fachbereich Judaistik beworben und wurde geradewegs an Yvonne Domhardt verwiesen, die damals die ICZ Bibliothek leitete.

 

Wie schaut eigentlich ein gewöhnlicher Tag bei Kerstin in der Bibliothek aus? «Viele Anfragen kommen unterdessen über E-Mail hinein, Bestellungen werden mit der Buchhändlerin in Thalwil abgewickelt, neue Bücher müssen dann eingebunden und katalogisiert werden und ganz viel kleine Sachen, die dann eben anfallen. Was ich immer schön finde, sind Beratungen. Hier kann ich dann richtig eintauchen und mit den Menschen diskutieren. Und einmal im Monat lese ich vier Kindergartengruppen vor. Du siehst, die Bibliothek ist ein Ort wo gelebt wird!» Natürlich würde sich Kerstin schon auch wünschen, dass noch mehr Mitglieder der ICZ die Bibliothek nutzen würden und denkt bereits darüber nach, mal eine Umfrage zu starten. «Ich möchte schon gerne wissen, was wir wie verbessern könnten, damit die Mitglieder mehr zu uns kommen. Denn wir sind ja auch eine Bibliothek der Gemeinde. Man kann einfach vorbeikommen und in den Büchern stöbern, sie durchblättern und in eine andere Welt eintauchen.»

 

Wenn man Kerstin Paul zuhört, breitet sich schnell eine angenehme Ruhe aus. Sie ist eine bibliophile Connaisseurin und kann mit einer Leichtigkeit zum Lesen inspirieren. Dass aber nicht nur die Bücher eine ihrer Leidenschaften ist, sondern auch der Gesang wissen noch nicht viele. «Ich praktiziere den Naturjodel und treffe mich regelmässig in einem Frauenchor und jodle Lieder, in denen keine Worte, sondern nur Töne vorkommen. Das ist etwas unglaublich Kraftvolles und so Ursprüngliches», strahlt Kerstin voller Begeisterung.

 

«Menschen können zu ganz Unterschiedlichem berufen sein, aber alle Menschen sind berufen, Mensch zu sein.» – Jehuda Bacon (israelischer Künstler, geb. 1929), fügt die ICZ Bibliothekarin am Schluss des Gesprächs hinzu und bringt es auf den Punkt, dass wir mit all den Unterschieden am Ende doch gleich sind.

 

→ Zur Webseite der ICZ Bibliothek

 

Interview: Teresa Schäppi


Veröffentlicht vor 2 Jahren

Raziel Berger – Die ICZ ist zu einem zweiten Zuhause geworden

Wer Raziel «Razi» Berger schon mal gegenübergestanden ist, dem ist mit Sicherheit aufgefallen, dass er ein grosser Kerl ist. Mit breiten Schultern und bestimmt zwei Köpfe grösser als ich, steht er mir wie ein grosser, starker Bär gegenüber. Seine Statur spielt ihm für seinen Beruf als Chef des Sicherheitsdienstes der ICZ sicher zu. Nicht jeder ist für solch einen anspruchsvollen und intensiven Job gemacht. Es muss eine Person sein, die Respekt einflösst, rational denkt und schnell handeln kann. Aber Angst vor ihm braucht niemand zu haben, denn sein sympathisches Lächeln lässt seinen weichen Kern durchblicken. «Als Kind wollte ich ursprünglich Tierarzt werden. Ich liebe Tiere und bin mit ihnen gross geworden», erzählt er und fügt hinzu: «Aber nach meiner Zeit in der Armee war ich einfach zu alt und dann führte das eine zum anderen und ich landete hier in Zürich.»

 

Der Weg nahm seinen Lauf als er nach 12 Jahren Grund-, Sekundar- und Mittelschule, 30 Minuten südlich von Tel Aviv, in die Armee eintrat. Viereinhalb Jahre war er Offizier und wechselte dann als Militär-Instruktor zu einem Einsatz in Georgien. «Das war nur ein kurzer Aufenthalt von acht Monaten. Eigentlich hätten es zwei bis drei Jahre sein sollen. Als dann aber die Unruhen und unsichere Lage im Land aufkamen, mussten wir raus.» Zurück in Israel stach ihm beim Durchblättern der Zeitung Jedi’ot Acharonot ein besonders spannendes Stelleninserat ins Auge: Es war das der ICZ. Razi zögerte nicht eine Sekunde und bewarb sich sofort. «Ich reise gerne und brachte alle nötigen Qualifikationen mit. Und als ich nach einem intensiven Verfahren angenommen wurde, ging die Reise los», führt er fort. Zwei Jahre, von 2009 bis 2011 war er im Team des Sicherheitsdienstes tätig und lernte seine damalige Freundin kennen. Trotz der in Zürich und in der ICZ gefundenen Liebe, entschied sich Razi für das Studium «International Business Administration – Specialisation in Finance» in Wien. Nach knapp vier Jahren war es die Liebe, die ihn dann doch wieder zurück nach Zürich und zur ICZ brachte. Aber wie es manchmal so ist, hat die vorhergehende Distanz einiges verändert und so entschieden sich beide kurz darauf, als Freunde weiter durchs Leben zu gehen. Die Liebe fand ein Ende, aber im Beruf ging es weiter. So konnte der viel reisende Razi nach einem Jahr als stellvertretender Chef des Sicherheitsdienstes die volle Verantwortung übernehmen.

 

Was die Arbeit so besonders macht, möchte ich gerne von Razi wissen. «Es sind die Mitglieder, die Begegnungen mit ihnen. Jeden Morgen dürfen wir die Kinder und deren Eltern vor der Schule treffen, manchmal liegt ein kurzer Schwatz mit ihnen drin und wir hören das Lachen und Singen der Kleinen nebenher. Das ist wirklich eine Freude. Oder, wenn eine ältere Dame vorbeikommt und uns alle freundlich grüsst und mal eine Geschichte von früher erzählt. Es sind wirklich die Menschen hier, die es ausmachen. Du musst dir vorstellen, mein Team kommt grösstenteils aus Israel. Das heisst, ihre Freunde und Familie sind weit weg. Und ich glaube, weil die Gemeinde das weiss, laden uns auch immer wieder einige Mitgliederfamilien zum Schabbatessen ein. Wir fühlen uns von der Gemeinde und den Mitarbeitenden mehr wie aufgenommen und integriert. Ja, es ist zu einem zweiten Zuhause geworden.» Mit diesen fast schon emotionalen Worten zeigt der Chef des Sicherheitsdienstes, dass es wirklich kein Job für jedermann ist.

 

Zu seiner Aufgabe gehört zusätzlich auch, das regelmässige Rekrutieren von neuen Mitgliedern seines Teams. Wie sein Vorgänger schaltet er Inserate in israelischen Zeitungen oder postet es auf verschiedenen Kanälen. Jeder Bewerber durchläuft eine anspruchsvolle Auswahlprozedur samt Assessment. Die Voraussetzungen sind klar: Man muss mindestens den dreijährigen Armeedienst absolviert haben und bereit sein für zwei Jahre Einsatz in der Schweiz zu leisten, das Land zu wechseln und innert weniger Wochen Deutsch zu lernen. Während seine Mitarbeiter fixe Arbeitszeiten haben, arbeitet er hingegen deutlich mehr. Da kommen gut und gerne schnell 14 Stunden pro Tag zusammen – das auch an Wochenenden. Zeit findet der im zentralisraelischen Beit Gamli’el geborene Razi trotzdem für seine Hobbys wie Fussball, Lesen oder Schwimmen.

 

In Bewegung ist er eigentlich immer, der Razi. «Ich habe dir ja erzählt, dass ich gerne Reise. Auch in der Schweiz. Hier gehe ich gerne auf Wanderungen und Touren. Aber wenn du mich ganz ehrlich fragst, was mein Wunschtraum für die Zukunft wäre, dann wahrscheinlich das: zwischen der Schweiz, Israel und Italien zu Reisen. Das wäre ein Leben!», strahlt er mit einem breiten Grinsen, wie ein Bär der gerade Honig gefunden hat. «Warum ausgerechnet Italien?», interessiert mich und Raziel – «G-ttes Geheimnis», wie sein Name übersetzt heisst – erklärt mir: «Das Essen! In Italien ist das Essen mindestens so gut wie zu Hause in Israel. Ein Bär wie ich muss gut und viel essen!» Und sein Grinsen ist jetzt noch breiter.

 

Interview: Teresa Schäppi


Veröffentlicht vor 2 Jahren

Ruth Gellis – Eine Welt ohne Grenzen

«Mir sind die Menschen wichtig, darum engagiere ich mich für den interreligiösen Dialog. Ich möchte die Idee vom Judentum für alle verständlich machen», erklärt Ruth Gellis, die eigentlich ihren Ruhestand geniessen könnte, aber unermüdlich und voller Energie vor mir erscheint. Über 20 Jahre lang war sie Schulleiterin in der ICZ und somit verantwortlich für das Pädagogische der Gemeinde, was die Bereiche Vorkindergarten (Ganon), Kindergarten, Religionsunterricht (Unzgi) und Erwachsenenkurse beinhaltete.

 

Wie ein wandelndes Lexikon, hat Ruth auf jede Frage, was das Judentum betrifft, eine Antwort, die sie für jeden zugänglich macht. Woher sie das so ‘einfach’ kann, frage ich sie: «Alle diese Jahre, das ist gesammelte Erfahrung. Ich habe nicht extra ein weiteres Studium absolviert. Mein ganzes Wissen habe ich mir über die Zeit hinweg angeeignet, war an Weiterbildungen und Kursen. Besonders auch bei verschiedenen Schiurim, wie wir sie bei Midreschet Wollishofen pflegen. Da behandeln wir Themen wie die Philosophie des Judentums, Interpretationen des Tanach oder Bewegungen in den halachischen Anpassungen. Aber auch noch viel mehr, ganz klar. Und natürlich habe ich – und noch immer – auch sehr viel von meinem Mann lernen dürfen. Sein jüdisches Wissen ist gigantisch!», strahlt Ruth mit grossen Augen und führt beinahe nahtlos weiter «Halacha – Weisst du, von was das abgeleitet ist und übersetzt heisst? Es kommt vom Verb ‘halach’ was soviel heisst wie gehen, wandeln oder in Bewegung bleiben. Die Halacha ist im Judentum Wegweiser und Begleiter zugleich und bestimmt die Verhaltensregeln für ein jüdisches Leben.» Und hier erlebe ich direkt, wie Ruth es schafft, Wissen einfach zu vermitteln. Sie benötigt nicht viel und erinnert mich, dass wir alle auf unserem Lebensweg viele verschiedene Phasen durchgehen, so vieles meistern und doch immer Schüler bleiben, egal welcher Religion oder Strömung man angehört.

 

Vor ungefähr 12 Jahren gab die engagierte Schulleiterin ihre Position weiter und wechselte zur Projektverantwortlichen im Bereich interreligiöser Dialog. Die neugeschaffene Stelle fand schnell hohes Interesse und wurde somit zu einem Selbstläufer. Neben unzähligen Veranstaltungen, Fortbildungen in Spitälern und Schulen, bietet Ruth regelmässig Synagogenführungen für die Öffentlichkeit an. «Ich möchte den Mitmenschen, die nicht viel Ahnung oder kaum Berührungspunkte mit dem Judentum haben, Vorurteile nehmen und das, was ihnen exotisch oder absurd erscheint, bodenständig erklären. Eines meiner grössten Anliegen ist, dass es immer wichtig ist, Respekt vor jedem zu haben.» Wenn man Ruth gegenübersteht, dann haben ihre Worte eine enorme Kraft, denn ihr Auftrag ist eine Herzensangelegenheit und nicht eigennützig. Die Mutter dreier Söhne und Grossmutter von zehn Enkel macht das für die Gemeinde und für eine bessere Wahrnehmung der Juden in Zürich, der Schweiz und ja, in der Welt. Sie ist, so kann man gut sagen, neben Gemeinderabbiner Noam Hertig ein wichtiges Bindeglied nach aussen und Botschafterin mit breitem Netzwerk.

 

Neben all ihrem Engagement beteiligte sich Ruth Gellis an der Zusammenstellung des Schulprogrammes ‘Kultur und Religion’ der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH) und macht sich stark, dass eine aufgeklärte Gesellschaft wegweisend für die Zukunft ist und mit Vorurteilen aufräumt. Wenn man die langjährige ICZ-Mitarbeiterin fragt, wie sie die eigene Zukunft hier sieht, bereitet ihr das schon etwas Stirnrunzeln: «Ja, meine Nachfolge… Bis jetzt habe ich noch niemanden gefunden (lacht). Im Moment bin ich noch voll engagiert, mal sehen was später sein wird.»

 

Interview: Teresa Schäppi


Veröffentlicht vor 2 Jahren

«Nichts ist unmöglich, To…ni»

Seit 23 Jahren arbeitet Antonio «Toni» Della Tommasa in der ICZ und ist der Mann, der das gesamte Gebäude in- und auswendig kennt. Und alle hier im Gebäude kennen ihn. Gibt es irgendein Problem, ist etwas defekt, steht ein Event an, der organisiert werden muss, ist er die Anlaufstelle und weiss mit Rat, Tat und Lösung mit seinem südländischen Charme zu helfen. Wie ist der gebürtige Italiener aus Lecce aber 1996 überhaupt zur ICZ gekommen? «Damals arbeitete mein Schwiegervater als Hauswart hier. Ich war auf der Suche nach einer neuen Stelle und habe mich zuerst bei der American School beworben. Die ICZ hörte davon und schlug meinem Schwiegervater vor, dass ich doch einfach hier beginnen soll.»

 

Wenn man Toni den Allrounder fragt, was ihm in diesen Jahren bei der ICZ am meisten gefallen hat, ist die Aufzählung lange. Aber von einem grossen Fest, das vor ca. 15 Jahren in der ICZ stattgefunden hat, schwärmt er mit leuchtenden Augen besonders: «Du musst dir vorstellen, der Gemeindesaal wurde in einen Wald verwandelt! Wir hatten sogar Bäume mit Laub am Boden, das war gigantisch. Alles war grün und atemberaubend. Natürlich hat das auch sehr viel Aufwand für mich und mein Team bedeutet. Aber das machen wir gerne.» Aus dem Gespräch kommt immer wieder eines heraus, nämlich, dass er immer alles Mögliche versucht, die Wünsche der ICZ-Mitglieder zu erfüllen. «Ich versuche mich immer wieder in die Person, die mir gegenüber steht hineinzuversetzen und spüre dann, wie wichtig dieser ein Anliegen ist. Dann wäre ich ja auch froh, wenn mir jemand helfen könnte. Und wenn ich derjenige bin, ja dann macht mich das zufrieden. Wir sind eine Gemeinschaft, das gehört eben dazu. Und jemand muss ja den Job machen», fügt er mit einem verschmitzten Lächeln hinzu.

 

In diesen 23 Jahren haben sich seine Arbeiten im Hausdienst schon auch verändert. Aufgaben kamen hinzu, wie z.B. die ganze Technik im Saal bei Anlässen zu bedienen, bei Anfragen für Events ist er für das Organisatorische zuständig, geht mit dem Auftraggeber alle Möglichkeiten durch und berät gekonnt aus seiner langen Erfahrung. Was viele nicht wissen, sagt er, dass seine Präsenz- bzw. Arbeitszeit keiner wirklichen Regel folgt. Er und sein Team arbeiten schichtweise beinahe ununterbrochen, so auch an Wochenenden. Sein Handy ist immer dabei, also ist er immer auch im Pikettdienst. «Wichtig ist, dass alles läuft. Da muss man einfach Prioritäten setzen. Und jeder Tag ist auch eine Überraschung, darum kann man nicht alles planen.» Es kam auch schon vor, dass «unser Toni» zwischen zwei Feiern mit seinem Team in einer nächtlichen Operation den ganzen Saal räumen, putzen und neu einrichten musste. Was so einfach klingt, ist ein imenser Aufwand, bedenkt man, dass der Saal bis zu 350 Personen fassen kann, sobald es eine Feier ist, bei der gegessen wird. Sonst sind es 450 Personen.

 

Ist ihm das alles nicht manchmal zu viel? «È weisst du, ich bin ein Mensch der in Balance ist. Ich kann vieles gelassen anschauen und sehe nicht in allem ein Problem. Ich bin ein Lösungsmensch. Und wenn ich mal was für mich mache, dann mache ich Sport oder ich tanze», grinst er. In seiner Freizeit tanzt der Südländer mit Leidenschaft regelmässig Salsa.

 

Toni gehört noch dieser Generation an, die mehr als pflichtbewusst seine Arbeit ausübt. Er denkt über den Tellerrand hinaus und so auch nicht selten für andere mit. Er arbeitet unermüdlich ohne Wenn und Aber, hinterfragt jedoch schon auch, wenn etwas nicht wirklich Sinn ergibt. Wer mit einem Anliegen zu Toni kommt, weiss, dass alle immer gleich behandelt werden und er seiner Linie treu bleibt: Fairness, egal wer vor ihm steht.

 

In die Zukunft blickt er gewohnt gelassen: «Schauen wir was kommt. Und dann machen wir weiter. Aber etwas, was ich dir auf den Weg geben möchte, ist ein Spruch, der mir mein Vater mitgegeben hat: ‘Tue Gutes und vergiss es. Tue Schlechtes, erinnere dich daran’. So und jetzt an die Arbeit, ich muss wieder los!»

 

Interview: Teresa Schäppi


Veröffentlicht vor 2 Jahren